Ladungssicherung Lkw: Vorschriften, Berechnung und Sicherungsmethoden

aktualisiert am 11.03.2026

Ladungssicherung Lkw ist mehr als das Spannen eines Gurts: Wer gewerblich Güter transportiert, muss die Sicherungskräfte rechnerisch nachweisen können – nach EN 12195-1, die den BALM-Standard für Kontrollen bildet. Dieser Artikel erklärt die gesetzlichen Grundlagen, zeigt die vollständigen Berechnungsformeln mit Rechenbeispielen und ordnet die Anforderungen nach Lkw-Aufbautyp ein. Die allgemeinen Normen und Sicherungsprinzipien, die für alle Fahrzeugtypen gelten, sind im Übersichtsartikel Ladungssicherung zusammengefasst.

Ladungssicherung-LKW

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§ 22 StVO und VDI 2700 setzen den verbindlichen Rahmen für die Ladungssicherung Lkw

Für gewerbliche Lkw-Transporte gelten drei Regelwerke parallel und ergänzen sich:

RegelwerkInhalt und Verbindlichkeit
§ 22 StVOGrundpflicht: Ladung muss bei Vollbremsung, Ausweichen und Kurvenfahrt sicher bleiben. Gilt für alle Fahrzeuge. Verstöße werden direkt mit Bußgeld geahndet.
DGUV Vorschrift 70 § 22Lkw müssen mit normierten Zurrpunkten und Sicherungssystemen ausgestattet sein. Verpflichtung gilt für Halter und Unternehmer, nicht nur bei Kontrolle, sondern als Dauerstandard.
VDI 2700 (Blätter 1–22)Technische Richtliniensammlung für Ladungssicherung auf Straßenfahrzeugen. Gilt als anerkannte Regel der Technik, Abweichungen müssen begründet werden. Blatt 16 betrifft speziell Transporter bis 7,5 t.
DIN EN 12195-1:2011Berechnungsnorm für Sicherungskräfte. Liefert Formeln, Reibbeiwerte und Berechnungsbeispiele. Ist Grundlage jedes rechnerischen Nachweises bei Kontrollen durch das BALM.
DIN EN 12195-2/-3Anforderungen an Zurrgurte (LC, SHF) und Zurrdrähte. Alle eingesetzten Zurrmittel müssen die ausgewiesenen Kennwerte tragen und in einwandfreiem Zustand sein.

Massenkräfte beim Lkw sind das Vielfache der Ladungsgewichtskraft

Basis jeder Berechnung ist die Gewichtskraft der Ladung in Deka-Newton (daN). 1 daN entspricht dabei annähernd 1 kg – eine Ladung von 10.000 kg hat eine Gewichtskraft von 10.000 daN. Die daraus resultierenden Massenkräfte bei typischen Fahrmanövern:

FahrsituationMassenkraft-FaktorBeispiel: 10.000 kg Ladung
Vollbremsung / Beschleunigung (Längsrichtung)cx = 0,8 × FG8.000 daN nach vorne
Kurvenfahrt / seitliches Ausweichency = 0,5 × FG5.000 daN seitlich
Rückwärtige Kraft (Anfahren bergauf)cz = 0,5 × FG5.000 daN nach hinten

Diese Massenkräfte müssen vollständig durch die Kombination aus Reibungskraft der Ladefläche und den eingesetzten Zurrmitteln aufgenommen werden. Reicht die Reibung allein nicht aus, ist eine zusätzliche Sicherungskraft durch Zurrgurte, Ketten oder Formschluss erforderlich.

Gleitreibbeiwert entscheidet über die erforderliche Zurrkraft

Der Gleitreibbeiwert μ (my) beschreibt, wie stark sich Ladefläche und Ladungsunterseite gegenseitig hemmen. Er ist der wichtigste Einflussfaktor auf die benötigte Sicherungskraft – ein hoher Reibbeiwert reduziert die notwendige Zurrkraft erheblich:

Materialkombinationμ-WertPraktische Bedeutung
Metall auf Holz (Ladefläche ungut.)0,20Niedrig – hohe Zurrkraft erforderlich
Metall auf Metall0,15Sehr niedrig – häufig in der Praxis unterschätzt
Holz auf Holz (Siebdruckplatte)0,40Mittel – Standardladefläche vieler Lkw
Gummi auf Holz0,50Gut – Unterseite von Gummipufferladungen
Anti-Rutschmatte (VDI-zertifiziert)0,60Hoch – reduziert Zurrkraft um bis zu 67 %
Anti-Rutschmatte auf Anti-Rutschmatte0,60Hoch – beidseitiger Einsatz empfohlen

Quelle der Reibbeiwerte: DIN EN 12195-1:2011-06, Anhang A. Für nicht gelistete Materialkombinationen muss der μ-Wert durch Messung nach Norm bestimmt werden.

Sicherungskraft berechnen: Die EN-12195-1-Formel Schritt für Schritt

Schritt 1: Sicherungskraft bestimmen

Die erforderliche Sicherungskraft FS ergibt sich aus der Massenkraft abzüglich der bereits vorhandenen Reibungskraft:

Formel: Sicherungskraft (Längsrichtung)
FS = FM − FR = (cx × FG) − (μ × FG) = FG × (cx − μ)
FS = Sicherungskraft [daN]  |  FG = Gewichtskraft der Ladung [daN]  |  cx = Massenkraft-Faktor  |  μ = Gleitreibbeiwert

Schritt 2: Vorspannkraft für Niederzurrung berechnen

Beim Niederzurren mit Spanngurten (Winkel zwischen 90° und 83°) gilt:

Formel: Niederzurrung (Winkel 83°–90°)
FV = ((cx,y − μ) ÷ μ) × FG ÷ k
FV = erforderliche Vorspannkraft je Gurt [daN]  |  k = Sicherheitsfaktor (Standard: 1,6)  |  Winkel < 83°: μ wird mit sin(α) multipliziert

Schritt 3: Anzahl der Spanngurte ermitteln

Die Gesamtvorspannkraft durch die Vorspannkraft eines einzelnen Gurts (LC-Wert laut Gurtaufschrift) ergibt die Mindestanzahl der benötigten Gurte:

Formel: Gurtanzahl
n = FV(gesamt) ÷ LC(Gurt)
n = Mindestanzahl Spanngurte (aufrunden)  |  LC = Lashing Capacity des Gurts [daN]  |  Ergebnis immer auf ganze Gurte aufrunden

Zwei Rechenbeispiele: Betonbauteil auf Siebdruckboden

Beispiel 1: 12.000 kg Betonbauteil, Siebdruckboden, Gurte 500 daN LC

RechenschrittWert / Ergebnis
Gewichtskraft FG12.000 daN
Massenkraft Längsrichtung (cx = 0,8)9.600 daN
Reibungskraft (μ = 0,4)4.800 daN
Erforderliche Sicherungskraft FS9.600 − 4.800 = 4.800 daN
Vorspannkraft FV (k = 1,6)4.800 × 1,6 = 7.680 daN gesamt
Gurtanzahl (LC = 500 daN je Gurt)7.680 ÷ 500 = 15,4 → 16 Spanngurte

Beispiel 2: 7.500 kg Betonbauteil, gleiche Bedingungen

RechenschrittWert / Ergebnis
Gewichtskraft FG7.500 daN
Massenkraft Längsrichtung (cx = 0,8)6.000 daN
Reibungskraft (μ = 0,4)3.000 daN
Erforderliche Sicherungskraft FS6.000 − 3.000 = 3.000 daN
Vorspannkraft FV (k = 1,6)3.000 × 1,6 = 4.800 daN gesamt
Gurtanzahl (LC = 500 daN je Gurt)4.800 ÷ 500 = 9,6 → 10 Spanngurte
⚠  Anti-Rutschmatte statt Siebdruckboden: Steigt μ von 0,4 auf 0,6, sinkt die erforderliche Sicherungskraft im Beispiel 1 von 4.800 auf 2.400 daN – die benötigte Gurtanzahl halbiert sich von 16 auf 8. Rutschmatten sind damit oft das wirtschaftlichste Sicherungsmittel.

Lkw-Aufbautypen erfordern unterschiedliche Sicherungsmethoden

Die Wahl der Sicherungsmittel richtet sich immer nach Aufbautyp und Ladegut. Für Transporter bis 7,5 t gelten ergänzende Anforderungen nach VDI 2700 Blatt 16, die im Artikel Ladungssicherung für Transporter beschrieben sind. Für schwere Lkw ab 7,5 t:

AufbautypTypische SicherungsmittelBesonderheiten
KofferaufbauSperrstangen, Sperrbalken, Spanngurte an Ankerschienen / ZurrleistenOft vorinstallierte Systeme. Trennwände bei Teilbeladung erforderlich. Leerräume mit Stausäcken schließen.
Pritsche / PlattformDirektzurrung, Niederzurrung mit Zurrgurten oder -ketten, UnterlegkeileZurrpunkte nach DIN EN 12640: mind. 2.500 daN je Punkt. Schüttgut erfordert Plane. Keine Bordwände als Sicherungsmittel.
Plane / CurtainsiderSpanngurte, Zurrschienen, Querbalken, AntirutschmattenPlane schützt nicht, sie sichert nicht. Ladung muss unabhängig von der Plane gegen Verrutschen gesichert sein.
Kühlaufbau / KofferkühlSpanngurte, Trennnetze, TrennwändeEmpfindliche Güter (Lebensmittel) erfordern schonende Sicherung ohne Druckstellen. Temperaturführung und Ladungssicherung kombinieren.
TankfahrzeugFormschluss durch Aufbau, Sicherung von Schläuchen und ArmaturenFlüssigkeitsbewegung (Sloshing) beeinflusst Fahrstabilität. Vollständige Befüllung oder Trennwände reduzieren das Risiko.
Schwertransport / SonderfahrzeugDirektzurrung, Verschraubung, individuelle SicherungskonzepteGenehmigungspflicht ab bestimmten Abmaßen. Ladungssicherungskonzept ist Bestandteil der Transportgenehmigung.

Sicherungsmittel müssen zur Ladung dimensioniert und geprüft sein

Jedes Sicherungsmittel hat einen normierten Kennwert, der die maximale Belastung angibt. Das Einsetzen eines Gurts ohne ausreichenden LC-Wert gilt als mangelhafte Sicherung – auch wenn der Gurt korrekt befestigt ist:

HilfsmittelKennwertPrüfpflicht
Zurrgurt (textil)LC (Lashing Capacity) in daNSichtprüfung vor jedem Einsatz: kein Riss, Schnitt, Scheuerstelle, verblasste Kennzeichnung
ZurrketteLC in daNGliederverschleiß prüfen; Kettenglieder dürfen nicht gedehnt oder angebrochen sein
Direktzurrung (Gurt)LC + SHF in daNSHF = Straight Hand Force: Handkraft zum Spannen. Beide Werte auf Etikett angegeben.
Anti-Rutschmatteμ-Wert nach VDI-ZertifikatNur Matten mit ausgewiesenem und geprüftem μ-Wert einsetzen; keine Eigenanfertigung
Sperrstange / SperrbalkenDruckkraft in daNVerformungen, Risse oder fehlende Endkappen führen zur Untauglichkeit
UnterlegkeilLastaufnahme in kgMaterialkontrolle; Plastikkeile auf Sprödigkeit prüfen, Holzkeile auf Faulstellen
⚠  Beschädigte oder nicht gekennzeichnete Zurrmittel sind bei einer BALM-Kontrolle sofort ein Bußgeldtatbestand – unabhängig davon, ob die Ladung tatsächlich gesichert ist. Zurrmittel müssen regelmäßig aussortiert und ersetzt werden.

Abfahrtkontrolle Ladungssicherung Lkw: Diese Punkte sind vor jeder Fahrt zu prüfen

Die Abfahrtkontrolle nach § 23 StVO ist für Lkw-Fahrer gesetzliche Pflicht und muss die Ladungssicherung explizit umfassen. Bei langen Fahrten ist eine Zwischenprüfung nach der ersten Stunde und an jedem Zwischenstopp vorgeschrieben:

  • Sicherungskraft berechnet und Berechnungsnachweis mitgeführt (BALM-Kontrolle)
  • Alle Zurrmittel auf Beschädigung und Kennzeichnung geprüft
  • Zurrpunkte auf Festigkeit und Beschädigung geprüft
  • Anti-Rutschmatten unter jedem Ladegut, das nicht formschlüssig gesichert ist
  • Leerräume im Kofferaufbau mit Stausäcken oder Leerpaletten geschlossen
  • Schüttgut vollständig mit Plane abgedeckt und Plane gespannt
  • Ladung gegen Kippen gesichert (Unterlegkeile, Sperrstangen)
  • Gurtanzahl entspricht dem Berechnungsergebnis – nicht nach Gefühl
  • Lastverteilungsplan eingehalten und Achslastgrenzen geprüft

Lkw-Flotten digital absichern: Compliance-Dokumentation schützt im Haftungsfall

Fuhrparkmanager tragen die organisatorische Mitverantwortung für die Ladungssicherung – auch wenn sie nicht selbst beladen. Wer nachweisen kann, dass Fahrer regelmäßig unterwiesen wurden, Fahrzeuge mit normgerechten Zurrpunkten ausgestattet sind und Abfahrtkontrollen dokumentiert durchgeführt wurden, reduziert das Haftungsrisiko des Unternehmens erheblich. FleetGOs Compliance-Lösungen bündeln Abfahrtkontrolle, Fahrtenschreiberauslesen und Führerscheinkontrolle in einem System – rechtssicher dokumentiert und jederzeit abrufbar.

Verstöße gegen die Ladungssicherung Lkw: Bußgelder und strafrechtliche Konsequenzen

Die Bußgelder beginnen bei 10 € für Lärmbelästigung durch lose Ladung und reichen bis zu 5.000 € für Transportunternehmen bei wiederholten schwerwiegenden Verstößen. Den vollständigen Katalog mit allen Positionen, Haftungsregeln für Fahrer, Verlader und Unternehmen sowie den strafrechtlichen Konsequenzen bei Personenschäden enthält der Artikel Bußgeld zur Ladungssicherung.

Quellen:


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